Umfrage bei Behörden: Jugendämter beklagen Personalmangel und Überlastung – minderjährige Schützlinge gefährdet

Um Kinder in Not kümmern sich in Deutschland die Jugendämter. Doch die Mitarbeiter stoßen zunehmend an ihre Grenzen – mit teils dramatischen Konsequenzen für die Kinder und Jugendlichen.

In vielen Jugendämtern leiden die Mitarbeitenden unter Personalmangel und Überlastung – was in manchen Fällen zu einer Gefährdung von Kindern oder Jugendlichen führt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des ARD-Politikmagazins „Report Mainz“, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Von bundesweit knapp 600 Jugendämtern antwortete demnach weit mehr als die Hälfte. 327 Ämter, fast jedes vierte von ihnen räumte demnach anonym ein, dass es 2023 aufgrund der Überlastung zu einer Gefährdung der minderjährigen Klientel gekommen sei.

PAID Fall Attendorn_Rekonstruktion 18.00Insgesamt 80 Prozent der Antwortenden teilten den Angaben zufolge mit, dass Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Jugendamtes überlastet seien. Als Gründe gaben die Antwortenden zum Beispiel an, dass sie zu viele Fälle bearbeiten müssten oder der Krankenstand hoch sei. Nur rund 20 Prozent der Jugendämter sagten, sie hätten das Problem nicht.

Zu wenige Plätze für gefährdete Minderjährige

Den Jugendämtern fällt es laut Umfrage zudem immer schwerer, Kinder in Not in geeigneten Inobhutnahmestellen unterzubringen. Rund 24 Prozent der antwortenden Behörden berichteten, dass Kinder 2023 aufgrund mangelnder Plätze in der Inobhutnahme in den Räumen des Jugendamtes übernachten mussten, Privatpersonen anvertraut wurden oder Mitarbeiter des Jugendamtes Kinder mit nach Hause nehmen mussten.Weltkindertag 2023 13.15

Die Kinderschutzexpertin der Hochschule Koblenz, Kathinka Beckmann, sagte „Report Mainz“: „Das heißt, dass wir hier Kinder in absoluten Gefährdungslagen haben, denen gerade nicht geholfen wird, die zu Hause vergewaltigt werden, die zu Hause in Kellern gefangen gehalten werden, die mit Gürteln geschlagen werden.“ Es gebe hier Fachkräfte, „die das nicht sehen können, weil sie zum Beispiel gerade keine Hausbesuche durchführen“.

Familienministerium kennt die Situation der Jugendämter

Das Bundesfamilienministerium wollte den Angaben zufolge zu den Zahlen konkret keine Stellung nehmen. Ein Ministeriumssprecher teilte dem ARD-Magazin mit, dass die gegenwärtige Situation der Jugendämter dem Ministerium „sehr bewusst“ sei. Das Ressort sehe insbesondere bei der Fachkräftesicherung in der Kinder- und Jugendhilfe „eine zentrale Herausforderung und steht dazu im Rahmen seiner Zuständigkeit in engem Kontakt mit den Ländern“.