Bilanz der Handball-EM: Olympia-Quali und Trainerfrage: Wie es mit den deutschen Handballern weitergeht

Bei der Handball-EM im eigenen Land hat die deutsche Mannschaft mit dem vierten Platz einen Achtungserfolg erzielt. Gleichzeitig wurde deutlich: Zur Weltspitze fehlt noch ein Stück. Die nächste Bewährungsprobe: das Qualifikationsturnier für Olympia in Paris. Und die Frage: Wie es mit dem Bundestrainer weitergeht?

Als Dänemark und Frankreich das Finale bei der Handball-Europameisterschaft ausspielten, hatten sich die deutschen Nationalspieler einen Platz unter den Fans gesucht. Die TV-Kameras zeigten Kapitän Johannes Golla und Rückraumspieler Julian Köster oder die Torhüter Andreas Wolff und David Späth, die wie die anderen 19.750 Zuschauer in der Kölner Lanxess Arena ein hochklassiges Duell der beiden besten Teams der Welt sahen. Die Ansammlung von Weltklasse-Spielern auf beiden Seiten demonstrierte auf eindrucksvolle Weise, wie man auf allerhöchstem Niveau spielt. Es war ein furioses Handball-Spektakel, das die Franzosen denkbar knapp in den Sekunden vor dem Ende der Verlängerung für sich entschieden.

Die Gesichter der Deutschen sprachen dabei Bände. Ihnen war die Enttäuschung über das verlorene Spiel um Platz drei gegen Schweden anzusehen. Sie hatten mehr gewollt, waren aber an der eigenen Unzulänglichkeit gescheitert. Am Ende waren sie chancenlos gegen einen Gegner, der nur um Nuancen schwächer aufspielte als Dänemark oder Frankreich, die aktuell das Maß aller Dinge im Welthandball sind. Die Deutschen sind – zusammen mit zwei, drei anderen Teams – lediglich best of the rest“. Das hat das Kontinentalturnier einmal mehr deutlich gezeigt.

STERN PAID Andreas Wolff 16.20

Das nächste große Ziel heißt Qlympia-Qualifikation

Das Finale war für das deutsche Team auf der Tribüne eine Art abschließende Weiterbildungsmaßnahme. Zur eigenen Leistung sagte Kapitän Johannes Golla rückblickend: „In der Abwehrarbeit haben wir einen Riesenschritt nach vorn gemacht. Durch neue Spieler im Kader haben wir neue Optionen bekommen, die in der Zukunft sehr wertvoll sein können. Das war ein Schritt nach vorn.“ Spielmacher Juri Knorr sprach ebenfalls von „einem großen Schritt“. Knorr der erst 23 Jahre alt ist und es neben Keeper Wolff in das All-Star-Team der EM schaffte, warnte aber auch: „Wir müssen besser werden, dass wir beständig ins Halbfinale kommen. Aber das wird kein Selbstläufer.“ 

Das nächste große Ziel heißt jetzt Qlympia-Qualifikation, die die DHB-Auswahl durch den vierten Platz bei der EM zunächst verpasst hat. Nun will sie das Ticket für Paris bei einem Turnier im März lösen, für das sie zuvor bereits (als WM-Fünfter) qualifiziert war. Die Gegner dort heißen Österreich, Kroatien und Algerien. Die ersten beiden Teams reisen nach Paris. „Das ist machbar. Das ist realistisch, dass wir weiterkommen“, sagt Renars Uscins, 21 Jahre alt und eine der großen Nachwuchshoffnungen im deutschen Handball.

Aber es ist auch kein „Selbstläufer“. Zur Erinnerung: Gegen Österreich quälte sich das deutsche Team bei der EM zu einem Unentschieden. Und gegen Kroatien fiel das Team beinahe auseinander. Allerdings spielte das psychologische Moment eine große Rolle bei der krachenden Niederlage in der EM-Hauptrunde. Die Deutschen waren zu diesem Zeitpunkt bereits für das Halbfinale qualifiziert.

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Alfred Gislason will weitermachen

Und es bleibt eine weitere Frage: Was wird aus Bundestrainer Alfred Gislason? Der Vertrag des 64-jährigen Isländers läuft im Sommer aus. Bei den Olympischen Spielen wird er auf jeden Fall an der Seitenlinie stehen, wenn das Team das Turnier erreicht. Aber was darüber hinaus passiert ist, ist offen. Mitte Februar will der Verband Bilanz ziehen – und entscheiden. Das alles geschieht mit Blick auf die Weltmeisterschaft 2027, die erneut in Deutschland stattfindet. 

Viel spricht dafür, dass Gislason einen neuen Kontrakt erhält. Der Trainer will weitermachen, das Verhältnis zur Mannschaft gilt als intakt, und das Erreichen des EM-Halbfinales ist ein Achtungserfolg. So gut haben die deutschen Handballer schließlich seit dem EM-Titel 2016 und der olympischen Bronzemedaille im selben Jahr nicht mehr abgeschnitten. Anderseits: Gislason hat in seiner Amtszeit bislang keine Medaille gewonnen. Mit den Klub-Trainern Florian Kehrmann (Trainer bei TBV Lemgo) und Maik Machulla (zuletzt SG Flensburg-Handewitt) stünden zudem zwei jüngere Kandidaten bereit.

Dennoch: Der Deutsche Handball Bund wäre schon einigermaßen verrückt, wenn er sich nach Platz vier bei der EM und den furiosen Auftritten des deutschen Teams, die jeweils zwischen fünf und acht Millionen Menschen am Fernseher verfolgt hatten, in eine Trainerdiskussion verstricken würde. Alles andere als eine Vertragsverlängerung mit Gislason wäre schon eine faustdicke Überraschung.

Quellen: DPA, „Sportbuzzer“, „Sportschau