Femizid in St. Leon-Rot : Es reicht! Warum wir nicht mehr von „Beziehungstaten“ sprechen sollten

Ein 18-jähriger Schüler tötet eine gleichaltrige Schülerin – und die Polizei spricht von einer Beziehungstat. Wieder einmal. Der Begriff verharmlost Morde, die uns alle etwas angehen.

Am Donnerstag wurde eine 18-jährige Frau in der baden-württembergischen Gemeinde St. Leon-Rot von ihrem Mitschüler getötet. Erstochen. In der Schule. Alle Wiederbelebungsversuche scheiterten, sie starb noch am Tatort. 

In vielen Artikeln zu dem Fall sowie in der Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Heidelberg und des Polizeipräsidiums Mannheim ist nun wieder einmal ein Begriff zu lesen, den wir alle am besten sofort aus unserem Wortschatz streichen sollten: Beziehungstat

Ja, Täter und Opfer standen in einer Beziehung. Aber die Beziehung darf bei der Beurteilung solcher Taten nicht im Vordergrund stehen. Denn die Beziehung an sich ist meist nicht das Problem. Das Problem ist das Rollenbild, das sich hinter solchen Taten verbirgt.

Jeden Tag versucht ein Mann, seiner Frau oder Ex-Partnerin das Leben zu nehmen, beinahe jeden dritten Tag gelingt es. Es gibt nicht viele Wissenschaftler, die zu Partnerschaftsgewalt forschen. Diejenigen aber, die sich der Sache angenommen haben, sind sich sicher: Das Problem sind patriarchale Strukturen und toxische Männlichkeit, die es in unserer Gesellschaft noch immer gibt – eine Frau hat sich nicht so verhalten, wie der Mann es gerne gehabt hätte, und wird deswegen von ihm getötet. 

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Es gibt ein Wort für diese Art von Tötungsfällen: Femizid. Der Begriff verweist darauf, dass die allermeisten dieser Fälle nicht geschehen wären, wenn das Opfer nicht weiblich gewesen wäre. Genau das wird durch den Begriff „Beziehungstat“ nämlich verschleiert – oder gar verharmlost.

Schluss mit der Verharmlosung, auch begrifflich

Diese Art der Verharmlosung ist auch in der Justiz zu beobachten. Nur ein kleines Beispiel: In einer Urteilsbegründung des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2018 zu einem Femizid heißt es: „Gerade der Umstand, dass die Trennung vom Tatopfer ausgegangen ist, darf als gegen die Niedrigkeit des Beweggrundes sprechender Umstand beurteilt werden.“ Das heißt: Wenn der Mann die Frau tötet, weil sie ihn verlassen hat, ist das möglicherweise strafmildernd – die Frau als Besitztum des Mannes.

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Aber nicht nur Trennungen sind Auslöser für Gewalt an Frauen. Ein neuer Partner, ein zu kurzer Rock, ein Flirt in der Bahn, das falsche Wort zum falschen Mann: All das kann bei manchen Männern schon reichen, um die Sicherungen durchbrennen zu lassen. Was bei dem Angriff auf die 18-jährige Schülerin in Baden-Württemberg der Auslöser war, ist noch unklar. Fakt ist, es gab schon vor Monaten Gewalt, es gab eine Anzeige, die Frau hatte Hilfe gesucht. Aber am Ende konnte ihr niemand mehr helfen. 

Wir – die Schwestern und Brüder, Väter und Mütter, Freunde und Freundinnen – müssen das Problem endlich anerkennen, beim Namen nennen, wir dürfen nicht weiter verdrängen. Wir müssen einschreiten, wenn wir merken, dass jemand sich sexistisch verhält. Wenn wir merken, dass ein Mann eine Frau nicht achtet, weil sie eine Frau ist. Es gibt ihn, den Frauenhass. Es gibt die Unterdrücker, es gibt häusliche Gewalt. Und es gibt Femizide. Also bitte: Hören wir endlich auf, Morde an Frauen als Beziehungstaten abzustempeln.