Arbeitsmarkt: Jobabbau bei Bayer und ZF: Kündigen gerade mehr Firmen als früher?

Große Konzerne wie Bayer, SAP und ZF bereiten ihre Mitarbeiter auf den Abbau Tausender Stellen vor. KI und Konjunktur erfordern einen Wandel, heißt es aus den Chefetagen. Diese Transformation sei auch eine Chance, sagt ein Arbeitsmarktexperte.

Sie sind wütend, sie sind laut: Tausende Mitarbeiter des Autozulieferers ZF müssen um ihre Arbeitsplätze fürchten und gehen deshalb seit Monaten immer wieder auf die Straße. 12.000 Stellen will der Konzern aus Friedrichshafen in den kommenden Jahren in Deutschland abbauen und nach Osteuropa verlagern – betriebsbedingt, wie es heißt.

Eine Begründung, die man auch von anderen Unternehmen hört: Pharmariese Bayer will – erstmals seit 27 Jahren – bis Ende 2025 zahlreiche Stellen betriebsbedingt streichen, Haushaltsgerätehersteller Miele plant, einen Großteil der Waschmaschinenproduktion nach Polen zu verlegen. Bei SAP fürchtet die Belegschaft einen weiteren Stellenabbau, nachdem schon vergangenes Jahr 3000 Mitarbeiter gehen mussten. Und sogar die Bauindustrie, wo Fachkräfte eigentlich notorisch knapp sind, rechnet damit, dass 10.000 Menschen noch in diesem Jahr ihre Arbeit verlieren könnten.

CEOs blicken negativ in die Zukunft

Den Personalabbau begründen die Firmen unterschiedlich und die Gründe lassen sich nicht verallgemeinern. Generell befinden sich viele Unternehmen aber gerade in einer größeren Umbruchphase. Dass sie nun Stellen streichen wollen, dürfte auch die negative Aussicht vieler CEOs auf die nächsten Jahre sein. Laut einer aktuellen Studie der Beratungsgesellschaft PwC glauben 45 Prozent der 4700 befragten Managerinnen und Manager, dass ihr Unternehmen nur noch weniger als zehn Jahre überleben wird, wenn sie am aktuellen Kurs festhalten. Das ist ein Anstieg um 6 Prozentpunkte im Vergleich zur Befragung in 2023.

Die Lösung, so die befragten CEOs, sei die Neuerfindung ihrer Geschäftsmodelle. Hierzu sehen sie generative künstliche Intelligenz (KI) als Möglichkeit. Durch den Einsatz der Technologie erwarten sie eine signifikante Produktivitätssteigerung ihrer Mitarbeitenden, was zur Folge hätte, dass die gleiche Arbeit mit weniger Mitarbeitern zu erledigen wäre und Stellen so gestrichen werden könnten. Knapp ein Viertel der Befragten gab an, mindestens 5 Prozent ihrer Belegschaft aufgrund von KI entlassen zu wollen.

Obwohl die Einführung von KI und die strategische Integration bisher eher begrenzt sind, erwarten die CEOs in Zukunft größere Auswirkungen. In den nächsten drei Jahren werde die Technologie die Art und Weise wie Unternehmen operieren signifikant verändern, glauben 70 Prozent der befragten Manager. Und 69 Prozent glauben, dass ihre Belegschaft deshalb neue Fähigkeiten erlernen muss, um diesen Wandel mitzugehen.

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Arbeitsmarktexperte Weber: Entlassungsniveau noch „niedrig“

Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit erklärt die jüngsten Abbau-Ankündigungen von Firmen mit einer aktuell tiefgreifenden Transformation der Arbeitswelt und einem zähen Wirtschaftsabschwung. Sowohl KI als auch der Umbau der Wirtschaft hin zu ökologischeren Prozessen verändern Geschäftsmodelle gerade im technischen Bereich erheblich, so Weber. Ein Umbruch bei den Arbeitsplätzen sei in diesem Zuge normal. Wichtig sei, diesen sozialverträglich und möglichst ohne Entlassungen zu organisieren. 

Das Problem liege vielmehr in einer schleppenden Erneuerung. „Während wir über Zukunft sprechen könnten, diskutieren wir Fachkräftemangel, Deindustrialisierung und den ‚kranken Mann Europas‘. In einer Transformation hat man aber gerade die Chance, Dinge voranzubringen, die zu lange feststeckten.“ Wirtschaftlicher Erfolg brauche Innovation, Investition und Qualifizierung, so Weber.

Eine Massenentlassungswelle sieht der Arbeitsmarktexperte jedoch nicht. „Trotz allem liegt das Entlassungsniveau niedrig“, so Weber zu Capital. Seit dem vergangenen Jahr gehen zwar wieder etwas mehr Menschen aus Jobs in die Arbeitslosigkeit, aber es seien immer noch bedeutend weniger als in den Jahren vom Wirtschaftswunder der 1950er Jahre bis zum Beginn der Coronapandemie 2020. 

2023 lag die Arbeitslosenquote laut Statistischem Bundesamt bei 6,2 Prozent, was der viertniedrigste Stand seit der Wiedervereinigung war. Laut Weber liege das an der Knappheit: „Wenn Arbeitskräfte schwer zu bekommen sind, halten Betriebe an ihnen fest.“

Dieser Artikel erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin „Capital“, das wie der stern Teil von RTL Deutschland ist.