Fried – Blick aus Berlin: Mit Schäubles Tod schwindet auch ein bestimmtes Gefühl

Man neigt bei Wolfgang Schäuble dazu, die tragischen Momente zu betonen. Dabei hat ihn sein politisches Leben sehr erfüllt.

Im vergangenen Juni fragte ich im Büro von Wolfgang Schäuble ein Interview an. Einen Tag später klingelte das Telefon: „Schäuble.“ Er fragte in seinem alemannischen Dialekt: „Was genau wolle Sie denn mache?“ Wir wollten mit ihm über das Erstarken der AfD sprechen, über seine eigene Partei und manches mehr. Schäuble war dazu bereit, aber er hatte schon einem anderen Blatt ein ähnliches Interview versprochen und fuhr hinterher in den Urlaub. Wir verabredeten, eine andere Gelegenheit zu suchen.

Am 27. November schrieb ich eine Mail an Schäuble, in der ich auf diese Verabredung zurückkam. Sie endete mit den Worten: „Ich hoffe, es geht Ihnen gut, und ich grüße Sie herzlich.“ Ich habe diese Mail nie abgeschickt, weil immer wieder etwas dazwischenkam. Am Ende sein Tod.

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Wolfgang Schäuble ist am 26. Dezember gestorben, und die Bestürzung war groß. Natürlich ist Trauer nie einhellig, auch Schäuble hatte seine „Hater“, wie man heute sagt; Menschen, die seine Fehler höher bewerten als seine Lebensleistung; Politiker, die ihm Niederlagen nachtragen, die er ihnen zugefügt hat, oder Bosheiten, die er ihnen angedeihen ließ. Und doch verband viele Bekundungen der Anteilnahme aus allen Richtungen ein besonderer Respekt.

Natürlich war auch Schäuble ehrgeizig

Das hat natürlich damit zu tun, dass Schäuble mit dem Attentat von 1990 ein schwerer persönlicher Schicksalsschlag traf und er trotzdem nie aufgegeben hat. Wer jemals mit ihm an einem Tisch saß, erinnert sich an die typische Rotation, mit der Schäuble im Rollstuhl seinen Oberkörper in eine aufrechte Haltung schraubte. Das wirkte mühevoll, es machte seine Querschnittlähmung aus der Nähe erlebbar. Und doch stand dieses Aufsitzen in meiner Wahrnehmung auch für seinen Anspruch, sich im wörtlichen wie im übertragenen Sinne nie hängen zu lassen.

Der Respekt für Schäuble mag seinen Grund auch in dem Widerspruch haben, den er gegenüber einem verbreiteten Bild von Politik verkörperte, wonach es immer nur um Posten geht. Natürlich war auch Schäuble ehrgeizig. Aber er kehrte mehr als fünf Jahrzehnte lang der Politik nicht den Rücken, obwohl ihm gerade jene höchsten Ämter verwehrt blieben, für die er prädestiniert erschien. Hatte er nicht für Helmut Kohl das Kanzleramt geleitet, als Innenminister den Einigungsvertrag mit der DDR verhandelt und als Vorsitzender die Unionsfraktion auf Kurs gehalten? Trotzdem konnte er 1998 nicht Bundeskanzler werden – weil Kohl es nicht wollte. Hatte nicht Schäuble mit der Kraft einer Rede die Abstimmung über den Regierungsumzug nach Berlin entschieden? Trotzdem konnte er 2004 auch nicht Bundespräsident werden – weil Angela Merkel es nicht wollte. Weiter gemacht hat er trotzdem immer. „’s isch, wie’s isch“ war bei ihm nicht nur ein Spruch. Ein leidenschaftlicher Politiker zu sein kann man schnell behaupten. Er hat es vorgelebt.

Zu Gesprächen mit Schäuble hat mich immer ein flaues Gefühl begleitet. Man wusste nie, was einen erwartet. Er war ein faszinierender Gesprächspartner, gebildet und abgeklärt. Er konnte witzig sein, spöttisch, manchmal aber auch abgewandt, in sich versunken, lustlos, bisweilen brüsk. Kollegen erlebten ihn auch mal schneidend. Unvergessen, wie er als Finanzminister seinen Pressesprecher auf offener Bühne demütigte, weil der Unterlagen nicht schnell genug an die Journalisten verteilt hatte.

Ich persönlich kann mich nicht beklagen. Einmal waren wir zu einem Interview verabredet, zu dem Schäuble viel zu spät kam. Er fragte: „Was mache mer jetzt?“ Ich erwähnte, dass bei mir zu Hause in Erwartung meiner Heimkehr bereits Rindsrouladen in den Ofen geschoben worden waren, worauf er mich sofort nach Hause schickte, weil zu lange geschmorte Rouladen ungenießbar seien. Gleich für den nächsten Morgen räumte er einen neuen Termin frei.

Der Bruch mit Kohl

Die Jahre Schäubles mit Kohl in Bonn habe ich nicht aus der Nähe erlebt. Wie der Kanzler ihn erst zum Kronprinzen erhob und dann doch noch einmal selbst in den Kampf um die Macht zog. Wie Schäuble ihm das ausreden wollte, was ihr Verhältnis beschädigte, ehe es in der CDU-Spendenaffäre 2000 ganz zerbrach, und Schäuble das öffentlich mit dem Satz dokumentierte: „Herr Kohl hat so viel Mitleid mit sich selber, dass er meines Mitleids nicht bedarf.“

Aber ich erinnere mich gut an den Herbst 2012, als Schäuble diese Zeit noch einmal einholte. Zu seinem 70. Geburtstag veranstaltete die Unionsfraktion eine Ehrung in Berlin. Der Schauspieler Ulrich Matthes las im Deutschen Theater „Die Bürgschaft“ von Friedrich Schiller, die berühmte Ballade über Freundschaft und Loyalität: „Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn.“ Loyalität, ein Hauptmotiv in Schäubles Leben. Der Altkanzler war zu der Feier eingeladen, aber nicht erschienen.

Nur einen Tag später beging die Konrad-Adenauer-Stiftung den 30. Jahrestag von Kohls erster Wahl zum Bundeskanzler 1982. Schäuble kam, aber erst, als die Veranstaltung begonnen hatte. So blieb ihm ein fast unvermeidbarer Händedruck mit Kohl erspart. Schäuble fuhr seinen Rollstuhl gleich in eine Nische, die ihm in der ersten Reihe freigehalten worden war, einige Meter von Kohl entfernt. So wahrte er den Respekt vor dem Altkanzler, ließ aber die Person Kohl links liegen. Als die Gäste nach der Veranstaltung zu einem Empfang mit Kohl strömten, fuhr Schäuble einfach davon.

So viel Geschichte. Als er 1968 an seinem ersten CDU-Parteitag teilnahm, trug ich noch Windeln. Als er 1972 in den Bundestag einzog, kam ich in die Schule. Er war eine eindrucksvolle Persönlichkeit, vor der man sich unbedeutend vorkommen konnte.

Als ich ihn einmal im Finanzministerium besuchte, summte er eine Melodie vor sich hin, die ich sofort als Arie aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ erkannte. Ich nutzte die Gelegenheit, ihm mit meinen Opernkenntnissen zu imponieren. Allerdings handelte es sich gar nicht um Rossinis Barbier, sondern um Mozarts Figaro. Er korrigierte mich und verkniff sich weiteren Spott.

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Merkel und Schäuble redeten offen, stritten

Sein kompliziertes Verhältnis zu Angela Merkel hat mich immer besonders interessiert. Er hatte sie unterstützt, als sie junge Ministerin war. Ihr Aufstieg in der Politik verlief beinahe ohne Brüche. Sie setzte sich später trotzdem über ihn hinweg und zog schließlich dort ein, wohin er es nicht geschafft hatte: ins Kanzleramt. Seine Karriere bestand neben dem vielen, was er erreicht hat, auch aus einigem, was er nicht erreicht hat. Ihre nicht.

Viele Jahre lang brauchten sie einander: er sie, weil Merkel ihn mitregieren ließ; sie ihn, weil Merkel mit Schäuble einen wichtigen Teil der CDU einbinden konnte. Merkel und Schäuble redeten offen, stritten, vor allem in der Eurokrise. Doch der Minister akzeptierte das Primat der Kanzlerin, auch wenn es vor allem der Respekt vor dem Amt war. Was sie sagte, fand er nicht immer richtig. Aber es musste gelten.

Wolfang Schäuble und stern, 20.45

Beide hätten Gelegenheiten gehabt, den anderen loszuwerden. Doch Merkel hielt Schäuble inmitten der Eurokrise im Amt des Finanzministers, obwohl er wegen eines Krankenhausaufenthalts mehrere Wochen ausfiel. Schäuble wiederum verzichtete darauf, eine Fronde gegen Merkel anzuführen, nachdem sie mit ihrer Flüchtlingspolitik große Teile der Union gegen sich aufgebracht hatte. Doch die Distanz zwischen beiden wuchs, nachdem Merkel auf den Parteivorsitz verzichtet und das Ende ihrer Kanzlerschaft eingeläutet hatte.

Im Sommer 2021 lud Schäuble einige Journalisten in die Dienstvilla des Bundestagspräsidenten ein. Er kam ins Erzählen, auch ins Spotten, aber bis zuletzt mit Respekt. Es wurde ein langer Abend. Man neigt bei Schäuble dazu, die tragischen Momente zu betonen, sollte aber nicht unterschätzen, wie sehr ihn sein politisches Leben erfüllt hat. „Diese blöden Fragen: Warum tun Sie sich das noch an?“, hat er einmal gesagt. „Weil’s mir Freude macht!“

Mit Schäubles Tod endet mehr als das. Es schwindet ein Gefühl von Stabilität. Schäuble war ein großer Demokrat und ein begeisterter Europäer. Und er hatte Schwächen und Fehler. Doch kommt es oft weniger darauf an, wie gut Menschen einen Politiker kennen, als darauf, was sie auf ihn projizieren. Schäuble wirkte wie einer, der übrig geblieben war aus einer Zeit, in der Politik noch überschaubar erschien. Man verband mit ihm Vernunft und Verlässlichkeit. Wenn alle Stricke reißen, dann ist immer noch einer wie Schäuble da – so galt es in der CDU und ein bisschen auch für das ganze Land.

Jetzt nicht mehr.

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