Hinter der Geschichte: Wie ich in diesem Jahr versuchte, mit der CDU Schritt zu halten

Es gibt langweiligere Aufgaben, als über Friedrich Merz und Carsten Linnemann berichten zu dürfen. Aber irgendwann stand ich in einer Küche in Aschaffenburg und kam einfach nicht mehr mit.

Making-of heißt unser neues Format. Wir wollen Ihnen einen persönlichen Blick hinter die Kulissen ermöglichen, aus unserem journalistischen Alltag erzählen und von unseren Recherchen. Wir beginnen mit einer kleinen Serie, in der wir auf unsere Momente des Jahres 2023 zurückblicken.

Die CDU hat mich durch meine Kindheit begleitet. Bis heute erzählt man sich in meiner Familie die Geschichte, wie ich dem Rektor der Grundschule kurz vor meiner Einschulung von Bundeskanzler Helmut Kohl erzählt habe. Und von dessen Partei, der CDU. In irgendeiner Schublade bei meinen Eltern liegen auch Fotos, auf denen zu sehen ist, wie ich mit Norbert Blüm Karussell fahre. Ich hatte eine schöne Kindheit.  

Im Jahr 2023 hat mich die Union nun wieder durchs Leben begleitet. Meine Chefs haben beschlossen, dass ich mit der Berichterstattung über die FDP nicht ausgelastet bin. Und weil sie mir ein gewisses Interesse an allem Bürgerlichen unterstellen, gaben sie mir die CDU dazu. Als Kind der Neunziger über Friedrich Merz berichten? Passt ja, dachte ich. Den hatte ich immerhin schon auf dem Schirm, als er zum ersten Mal Oppositionsführer war.

Nun unterstellt man bürgerlichen Menschen im Allgemeinen und bürgerlichen Parteien im Besonderen gerne eine gewisse Behäbigkeit. Sollte das auf die Comeback-hungrige CDU unter Merz und seinem Generalsekretär Carsten Linnemann zutreffen, muss das an mir vorbeigegangen sein. Ich habe sie ganz anders erlebt.

Die CDU und die Rolf-Töpperwien-Fragen

Ich war mit Merz in Israel, mit Hendrik Wüst wandern und bin Linnemann quer durch Deutschland hinterher gereist. Das ganze Jahr war ich stets bemüht, mit dem Tempo Schritt zu halten, das die Union und ihr Spitzenpersonal vorlegten. Und immer, wenn ich dachte: puh, jetzt hab‘ ich sie, gab Merz das nächste Interview – und das Spielchen ging von vorne los.

Ja, richtig gelesen, Spielchen. Politikjournalismus funktioniert leider mitunter wie Sportberichterstattung. Haltungsnoten werden nach ähnlich nebulösen Kriterien verteilt wie eine Berufung in die „Elf des Tages“ beim kicker. Man kann versuchen, sich davon zu befreien. So wie man versuchen kann, nach Weihnachten ein paar Kilo abzunehmen. Gelingt meist nicht. 

Also stellt man sich Rolf-Töpperwien-Fragen wie: Wer hat abgeräumt, wer steckt tief in der Krise? Zeigt die Formkurve jetzt nach oben oder doch nach unten? Leider ließ sich für die CDU lange keine echte Tendenz feststellen. Mal rauf, mal runter, Hauptsache mit viel Tempo. 

STERN 47_23 Fried Kolumne Hessen, 18.30

Merz und die kurze Lunte

Ende Juni haben mein Chef und ich Friedrich Merz im Konrad-Adenauer-Haus besucht. Das Büro des CDU-Vorsitzenden liegt ganz oben und sieht aus, als könnte da auch ein Schönheitschirurg residieren: lichtdurchflutet und dezent mit hellen Möbeln eingerichtet. Ich habe Merz über das Jahr hinweg im persönlichen Gespräch immer als betont gelassen erlebt. Auch damals hing er ganz entspannt in seinem Sessel. Die langen Beine ausgestreckt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Er wirkte wie einer, der auf keinen Fall Nervosität ausstrahlen wollte. 

Dabei spotteten Freunde wie Feinde gerade mal wieder über seine kurze Lunte. Und die Lage sah aus wie fast immer im abgelaufenen Jahr: Die Ampel-Regierung war maximal unbeliebt, aber die Union kam in Umfragen über 30 Prozent nicht hinaus. Es hätte noch besser laufen müssen für Merz und Co. Aber so richtig wusste die CDU eben selbst noch nicht, wohin sie wollte – und mit wem.  

Merz hat den ersten Zugriff auf die Kanzlerkandidatur. Und es sah im Frühjahr so aus, als sei sein Griff schon sehr fest. Dann formulierte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst in bester Angela-Merkel-Manier ein Bewerbungsschreiben in der „FAZ“. Und Merz zuckte. Die Regierung in NRW sei fast so unbeliebt wie die Ampel, konterte er. Da war sie, die kurze Lunte.

Was hat Merz nochmal wann gesagt?

Merz hat in diesem Jahr viele ordentliche Reden im Bundestag gehalten, solides Oppositionshandwerk, eines Kanzlers im Wartestand durchaus würdig. Dazwischen aber hat er sein Bestes gegeben, diesen Eindruck gleich wieder zu konterkarieren. 

Er hat arabischstämmige Kinder „kleine Paschas“ genannt und die CDU als „Alternative für Deutschland mit Substanz“ bezeichnet. In seinem Newsletter „#MerzMail“ bescheinigte er den Grünen eine „penetrant vorgetragene Volkserziehungsattitüde“ und warf den Medien vor, „mit jeder gegenderten Nachrichtensendung“ der AfD Stimmen zu verschaffen. Schuld am Umfragehoch der AfD ist nur die Ampel – und die ihr angeschlossenen Funkhäuser. So klang das. 

Als wir Merz in seinem Büro trafen, wägte er noch ab, ob er die Grünen wirklich so frontal angehen sollte. Nur wenige Tage später erklärte er sie zum „Hauptgegner“ in der Regierung. Meinen Wahlheimat-Kiez Kreuzberg hat er im bayerischen Wahlkampf mal eben aus Deutschland ausgemeindet. Und schließlich behauptete er noch, dass abgelehnte Asylbewerber den Deutschen die Termine beim Zahnarzt wegnähmen. 

Wenn ich in diesem Jahr eines gelernt habe, dann das: Immer dann, wenn ich überlege, der CDU in einem Kommentar ein bisschen Anerkennung für ihr Comeback zu schenken, haut Friedrich Merz wieder einen raus. 

Es ist eine Sache, all die Merz-Zitaten in ihrer zeitlichen Abfolge nicht durcheinander zu bringen. Eine ganz andere Sache ist es, mit Carsten Linnemann Schritt halten zu wollen. Im Juli machte Merz den langjährigen Chef des Wirtschaftsflügels zu seinem neuen Generalsekretär. Und weil ich wissen wollte, wie Linnemann seine neue Aufgabe angeht, bin ich zu seinen ersten Auftritten an der Basis gefahren. 

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In Aschaffenburg, beim Besuch der Schwestern und Brüder von der CSU, hatte er eine halbe Stunde Zeit für mich. Wir zogen uns in eine schmale Küche neben dem Veranstaltungssaal zurück. Dort standen schon die Laugenbrötchen und Körnerstangen für den Empfang nach Linnemanns Rede. Er langte ordentlich zu. Musste die Kohlenhydrate offenbar nehmen, wo er sie gerade kriegen konnte. Linnemann war erst nachts um halb zwei zurück in seiner Berliner Wohnung gewesen, hatte kurz geschlafen, war um sechs eine Runde laufen gegangen, dann folgte ein Tag voller Termine. Inzwischen war es sieben Uhr am Abend.

Linnemann hat mir damals erzählt, dass er nun sofort hellwach sei, wenn morgens der Wecker klingelt. Noch mal umdrehen? Keine Chance. Viel zu viel zu tun. „Ich habe die Wucht unterschätzt, mit der am Anfang alles auf mich eingeprasselt ist“, sagte er. Ich fand das überraschend ehrlich für jemanden, der seit 2009 im Bundestag sitzt. 

Ein Rastloser unter Ratlosen

Als Merz ihm das Amt anbot, brauchte Linnemann einige Tage Bedenkzeit. Er sei zufrieden gewesen, sagte er in der Küche zwischen zwei Brötchen. Er hatte ja den Job, den er immer wollte: Er, der jahrelang warnte, dass die CDU thematisch blank sei, sollte der Partei ein neues Grundsatzprogramm verpassen. Das war genau sein Ding, inhaltlich arbeiten und Debatten anstoßen. Die Verantwortung fürs Programm hatte er einfach behalten. Nur kam noch viel mehr dazu. Daran, nicht mehr alles selbst zu machen, musste er sich erst gewöhnen. Es ärgerte ihn, „dass ich nicht mehr dazu komme, jede Mail im Detail zu beantworten“.

Ich habe Linnemann damals als den immerzu Rastlosen in einer Partei der immer noch Ratlosen erlebt. 

In der Küche diktierte er mir eine Idee nach der anderen in den Block. Ich kam kaum mit. Irgendwann habe ich aufgegeben und den Stift weggesteckt. Linnemann kommt in solchen Gesprächen kaum zur Ruhe. Kommt sein Gegenüber nicht zum Punkt, unterbricht er. Während er spricht, bleibt er immer in Bewegung. Er gestikuliert, ballt die Becker-Faust, stellt das eine Bein übers andere, dann das andere übers eine. Standbein und Spielbein? Nicht bei Linnemann.

Mit der gleichen Energie stellte er im Herbst die neuen Farben der CDU vor: Cadenabbia-Türkis und Rhöndorf-Blau. Und wunderte sich ein wenig, dass die anwesenden Journalisten mehr über die optischen Ähnlichkeiten zur AfD-Farbe sprechen wollten – und weniger über die „Vitalität, Zuversicht und Freiheit“, die Cadenabbia-Türkis ausstrahle. 

Die CDU hat Bonn endgültig hinter sich gelassen

Kurz vor Weihnachten waren mein Chef und ich dann wieder im Konrad-Adenauer-Haus, dieses Mal eine Etage tiefer. Das Grundsatzprogramm war inzwischen fertig, auf dem Tisch stand ein Adventskranz, Linnemanns SC Paderborn hatte gewonnen. Der CDU-General hätte also allen Grund gehabt, sich von der besinnlichen Stimmung anstecken zu lassen. Aber Linnemann saß vorn auf seiner Stuhlkante, uns direkt gegenüber, angriffslustig und unter Strom wie eh und je. Das Ergebnis lesen Sie bald im stern.

Der betont entspannte Merz, der immer rastlose Linnemann – so geht es wohl weiter auf und ab mit der CDU. Ich aber habe inzwischen meinen Rhythmus mit der Partei gefunden. Wenn die Kollegen eines befreundeten Hamburger Magazins sich die Tage zwischen den Jahren nun mit der nächsten Runde in der CDU-Kanzlerkandidatenfrage vertreiben wollen, sei ihnen das gegönnt. Ich lese lieber das neue Buch von Jürgen Rüttgers. 

Nur einmal hatte ich das Gefühl, dass die CDU mir wirklich komplett enteilt ist: Neulich war ich bei einem Pressegespräch mit Friedrich Merz der einzige Mann im Raum, der sich morgens die Mühe gemacht hatte, eine Krawatte zu binden. Merz? Offener Kragen. Zu Bonner Zeiten wäre das nicht passiert.