Böller und Raketen: Hunde an Silvester: Martin Rütter empfiehlt Eierlikör zur Beruhigung – und erntet Kritik

Böller und Raketen bedeuten viel Stress für Hunde. Um den zu verringern, gibt es viele Tipps – Martin Rütter rät zu Eierlikör. Doch das ist umstritten.

Alle Jahre wieder – für Hundehalter ist Silvester ein rotes Tuch. Die wenigsten Tiere kommen gut mit Böllern und Raketen klar – und besonders in Großstädten nehmen die Menschen nur selten Rücksicht. Teilweise wird eine Woche vor und eine Woche nach Neujahr geballert, was das Zeug hält – und die Vierbeiner leiden.STERN PAID Hundetrainer Martin Rütter Interview 17.00

Am schlimmsten ist es selbstverständlich in der Nacht auf den 1. Januar. Und man fragt sich, wie man den Tieren in diesen schweren Stunden helfen kann. Ein Tipp taucht in diesem Zusammenhang seit Jahren immer wieder auf: Eierlikör – also Alkohol. Populär wurde das durch Deutschlands bekanntesten Hunde-Profi Martin Rütter, der sich auf einen Tierarzt bezieht. Beide ernten dafür jedes Jahr erneut Kritik, beharren aber darauf.

Hunde und Alkohol: Die Dosis macht das Gift

Rütter verweist unbeirrt auf den Ulmer Tierarzt Ralph Rückert, der über die Wirkung von Alkohol auf Hunde einen längeren Text verfasst hat, der viele Tipps gegen Angst beinhaltet. Schon 2018 schrieb der Tiermediziner: „Alkohol, von Hunden speziell in Form von Eierlikör sehr gern aufgenommen, ist natürlich – wie wir fast alle wissen – in der korrekten Dosierung ein recht potentes Sedativum mit angstlösender Wirkung. Mein Terrier Nogger (knapp 10 kg schwer) bekommt an Silvester um 20 und um 23 Uhr jeweils einen Esslöffel Eierlikör, und es hat ihm bisher immer sowohl sehr gut geschmeckt als auch nach meinem Dafürhalten beträchtlich geholfen.“

Schon vor Jahren wurde Dr. Rückert dafür hart angegangen – Alkohol wird von vielen Menschen als Gift für das Tier bezeichnet. Das stimmt auch – wenn man übertreibt. Daher bietet der Arzt eine Art Anleitung, wie man die korrekte Menge errechnet. Das sieht wie folgt aus:

Gewicht des Hundes bis 25 Kilogramm:
Körpergewicht in Kilogramm x 0,4 x 100 / Prozent des Alkohols = Gesamtmenge des zu verabreichenden alkoholischen Getränks in Milliliter.

Gewicht des Hundes von 26 kg bis 50 Kilogramm:
Körpergewicht in Kilogramm x 0,3 x 100 / Prozent des Alkohols = Gesamtmenge des zu verabreichenden alkoholischen Getränks in Milliliter.

Gewicht des Hundes ab 50 Kilogramm
Körpergewicht in Kilogramm x 0,2 x 100 / Prozent des Alkohols = Gesamtmenge des zu verabreichenden alkoholischen Getränks in Milliliter.

Die Gesamtmenge solle man immer auf mehrere Portionen aufteilen, die man im Abstand von zwei Stunden geben solle. Konkret hieße das bei einem Hund mit 15 Kilogramm und Eierlikör mit 20 Volumenprozent: insgesamt 30 Milliliter, die Hälfte um 21:30, den Rest um 23:30, kurz vor der Böller-Apokalypse. Die Rechnung: 15 Kilogramm mal 0,4 Mal 100 geteilt durch 20.

Scharfe Kritik am Tipp von Martin Rütter

Die Gesellschaft für Tierverhaltensmedizin und -therapie (GTVMT) rät davon ausdrücklich ab, schreibt: „Es gibt keinen pharmakologisch-medizinisch vertretbaren Grund, dem Hund an Silvester bzw. in anderen angstauslösenden Situationen Alkohol zu geben.“ Unter anderem führen die Kritiker an, dass man mit der Formel rechnerisch bei der „Grenze zur Fahrtüchtigkeit“ angelangt sei, was beweise, wie stark es die Tiere beeinflusse. Auch eine Suchtgefahr wird erwähnt.Der große Eierlikörtest_18.05

Auf die teils scharfe Kritik für diesen Tipp geht Rückert in einem weiteren Text ein. Im Beitrag „Eierlikör, die tödliche Gefahr für Ihren Hund!“ schreibt er nach einer langen Stellungnahme zum Schreiben der GTVMT: „Wie anfangs erwähnt, hasse ich eigentlich die Reduktion meiner Silvester-Artikel auf das Eierlikör-Thema, weil ich ja auch lang und breit das tiermedizinisch perfekte Vorgehen beschreibe. Es soll absolut niemand überredet oder gar gezwungen werden, seinem Hund Likör zu reichen. Wer das aus welchen Gründen auch immer nicht tun mag, der soll es halt lassen. Dieser Artikel hier richtet sich ausschließlich an die vielen Hundebesitzer(innen), die feststellen konnten, dass eine sauber dosierte und geringe Menge Alkohol ihrem Tier deutlich hilft, diesen schrecklichen Abend halbwegs gut zu überstehen.“

Sollte Zeit bleiben, bietet sich als Alternative Hanföl mit Cannabidiol (CBD) an. Auch das beruhigt, lässt sich aber nicht einfach per Formel und ohne Rücksprache mit dem Tierarzt dosieren, zumal man die Präparate vorher einmal getestet haben sollte.

Klassische Musik, aber keine Medikamente

Die Liste mit Hinweisen vom Hunde-Profi, wie Hunde am besten durch die Nacht kommen, ist selbstverständlich deutlich länger, als nur Eierlikör und Hanf. Bei der Hilfestellung handelt es sich außerdem um Last-Minute-Tipps, denn eine wirksame Therapie gegen die Angst setze ein längeres Training voraus, meint Rütter in seinem Text.

Um die Hunde von der Knallerei abzulenken, könne man beispielsweise einen leckeren Snack servieren, mit dem sich der Hund beschäftigen kann – Rütter nennt gefüllte Spielzeuge oder feste Kauknochen, an denen sich die Tiere abarbeiten können. Das setze Glücks- und Beruhigungshormone frei und lenke ab, so der Profi.

Des Weiteren könne man versuchen, Lichtblitze durch Zuziehen der Vorhänge zu mindern und durch Musik das ständige Knallen zu übertönen – aber nicht zu laut. Leichte klassische Musik, etwa Mozart, könne helfen. Von Heavy Metal und Wagner wird abgeraten. 

Man solle dem Tier außerdem einen Rückzugsort anbieten, etwa eine kleine Höhle aus Decken. Sollte der Hund stattdessen aufs Sofa wollen und den Kontakt zum Menschen suchen, bittet Rütter darum, dies zuzulassen, da das Tier so signalisiert, sich in der Nähe der Vertrauensperson Schutz suchen zu wollen. Streicheln ausdrücklich erlaubt!

Vorsicht sollte man hingegen bei Medikamenten walten lassen, etwa „Sedalin“, „Vetranquil“, „Calmivet“ oder „Prequillan“. Das sediere den Hund lediglich körperlich, verhindere aber nicht, dass das Tier alles genauestens mitbekommt. Eine medizinische Behandlung eigne sich nur in Ausnahmefällen, wenn Hunde unter „panischen, nicht kontrollierbaren Angstzuständen leiden“, sich also selbst Schaden zufügen würden. Alternativmedizin, etwa Globuli oder Bachblüten, hätten keinen Effekt, so Rütter.AF_CBD Wirkung 15.35

Eines der besten Mittel gegen Silvester-Angst, da sind sich alle einig, ist ein Ortswechsel dorthin, wo entweder aufgrund von Menschenmangel niemand knallt, oder wo es verboten ist – beispielsweise an Flughäfen. Sollte spontan nichts frei sein, empfiehlt der Hunde-Profi eine längere Autofahrt über Land, am besten bei gedämpfter, klassischer Musik.