Notfall: Hochwasserlage in Niedersachsen bleibt ernst

Eine großflächige Entwarnung beim Hochwasser ist in Niedersachsen bisher nicht in Sicht. Auch am Freitag waren wieder zahlreiche Hilfskräfte im Einsatz.

Überflutete Straßen, Bahnstrecken oder Keller – und kein Ende in Sicht. Weite Teile Niedersachsens kämpfen weiter mit dem anhaltenden Hochwasser. Mancherorts entspannt sich die Lage aber leicht. Der Fokus schwenke etwa vom Harz Richtung der Landkreise Celle und Oldenburg, sagte Landesbranddirektor Dieter Rohrberg am Freitag in Hannover. An vielen Orten zeigten die Pegel die höchste Meldestufe an.

Die Hochwassersituation sei regional unterschiedlich, für ganz Niedersachsen könne noch keine Entwarnung gegeben werden, so Rohrberg. Innenministerin Daniela Behrens (SPD) sagte, die Schwerpunkte des Hochwassers hätten sich in den vergangenen Tagen mit den Wassermassen vom Südosten in den Nordwesten des Landes verschoben. „Wir haben jetzt große Herausforderungen im Bereich der Unterweser und vor allem der kleinen Zuflüsse, wo viel Wasser an die Deiche drückt“, sagte Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) am Freitag bei einem Besuch des Hochwasserrückhaltebeckens Salzderhelden.

Bundeswehr und Bundespolizei unterstützen

Bei Oldenburg kamen zwei Hubschrauber zum Einsatz. Ein Helikopter der Bundespolizei transportierte besonders große Sandsäcke, mit denen die Deiche gesichert werden sollten. Ein Hubschrauber der Marine stieg auf, um sich ein Lagebild zu verschaffen. Beide Helikopter waren zunächst in der Gemeinde Hatten, durch die die Hunte fließt, im Einsatz.

In mehreren Landkreisen sowie der Stadt Oldenburg ist laut Landesbranddirektor Rohrberg weiterhin ein sogenanntes außergewöhnliches Ereignis festgestellt worden. Unter anderem in den Landkreisen Hildesheim und Northeim sei das hingegen mittlerweile aufgehoben worden. Durch das sogenannte außergewöhnliche Ereignis können Landkreise beispielsweise einfacher auf Hilfskräfte zugreifen. Im ganzen Bundesland wurden Zehntausende Sandsäcke gepackt und verteilt, um Wohnungen und Deiche zu schützen.

Katastrophentouristen bereiten Probleme

Die Stadt Celle appellierte an Menschen, Sperrungen ernst zu nehmen und nur nach Celle zu reisen, wenn es unbedingt notwendig sei. „Durch wachsenden „Hochwassertourismus“ und Verkehr werden Rettungskräfte vielerorts am Durchkommen gehindert.“ Um den Einsatzkräften Mehrarbeit zu ersparen, empfahl die Stadt zudem, an Silvester auf Feuerwerk und Böller zu verzichten.

In der Gemeinde Lilienthal im Landkreis Osterholz bei Bremen wurde ein Böllerverbot erlassen. Auch Umweltminister Meyer empfahl einen Verzicht von Silvesterböllern in den vom Hochwasser betroffenen Gebieten. Der Landkreis Osterholz befürchtet darüber hinaus, dass zu Silvester viele Schaulustige im Hochwassergebiet unterwegs sein werden.

Zahlreiche Landkreise appellierten erneut, Deiche nicht zu betreten, da diese aufgeweicht seien und beschädigt werden könnten. In der Stadt Oldenburg gilt ein Betretungsverbot für Deiche, das mit bis zu 5000 Euro geahndet wird.

Zwei Altenheime evakuiert

In Müden (Aller) bei Gifhorn wurde ein Altenheim evakuiert, weil Wasser in das Haus eingedrungen war. Am Freitag wurden 13 Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Heim geholt, wie das Deutsche Roten Kreuz (DRK) mitteilte. Schon am Donnerstag hatten ehrenamtliche Helfer des DRK sowie von der Freiwilligen Feuerwehr rund 20 Menschen in anderen Seniorenheimen untergebracht.

Ein direkt an der Ems liegendes Altenheim in Meppen wurde zudem vorsorglich evakuiert. 52 Bewohnerinnen und Bewohner seien am Donnerstagabend mit Unterstützung des DRK aus dem Haus gebracht worden, sagte eine Stadtsprecherin. Durch aufgeweichte Deiche bestehe an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet Überschwemmungsgefahr.

Auch Tiere sind weiter aufgrund des Hochwassers bedroht. Mit einem Notfallplan bereitet sich der Serengeti-Park Hodenhagen auf weitere Evakuierungen von Tieren vor. Sorgen bereite vor allem das von Wasser umschlossene Haus der Antilopen und Giraffen, sagte eine Sprecherin des Tierparks. „Diese Tiere müssten für eine Evakuierung narkotisiert werden, das ist ein großes Risiko.“

Lage könnte sich wieder verschärfen – Regen gemeldet

Flussabwärts der Weser werden die Pegelstände nach Einschätzung des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz noch weiter ansteigen. Insbesondere im unteren Verlauf der Mittelweser könne daher noch nicht von einer Entspannung gesprochen werden. Angesichts erwarteter Regenfälle rechnet Innenministerin Behrens mit einer verschärften Hochwasserlage in manchen Regionen in den kommenden Tagen, wie sie in einem Deutschlandfunk-Interview sagte.

Bis Samstagmorgen könnten in Niedersachsen vereinzelt 20 bis 30 Liter Regen pro Quadratmeter fallen, wie ein Meteorologe des Deutschen Wetterdienstes sagte. Das betreffe vor allem die Südhälfte des Bundeslandes. In der Nordhälfte wird es den Angaben zufolge mit fünf bis zehn Litern pro Quadratmeter bis Samstagmorgen etwas trockener bleiben. Insgesamt sei die Regenmenge geringer als zu Beginn der Hochwasserlage, sagte der Meteorologe. Von Samstag- bis Sonntagmorgen soll der Regen etwas nachlassen.

Bahnverkehr im Nordwesten weiter mit Problemen

Aufgrund der Witterung und des Hochwassers müssen sich Bahnreisende länger als geplant auf Verspätungen und Streckensperrungen einstellen. Die Verbindung zwischen Oldenburg und Osnabrück sei wegen des Hochwassers nach wie vor eingeschränkt, sagte eine Sprecherin der Nordwestbahn am Freitag.

Für die Linie des Regional-Expresses 18 zwischen Wilhelmshaven, Oldenburg und Osnabrück etwa gelte bis einschließlich 7. Januar ein Ersatzfahrplan. Wegen des Wasserstandes seien noch keine Erkundungsfahrten möglich gewesen, um das Ausmaß der Schäden zu begutachten und mit Reparaturen zu beginnen.

Weitere Entspannung an den Talsperren

An den Talsperren im Harz sinken indes die Füllstände weiter. Nach der Okertalsperre wird auch an der Innerstetalsperre kein Wasser mehr über den Notüberlauf abgegeben, wie ein Sprecher der Harzwasserwerke am Freitag sagte. Die Lage sei allerdings weiter angespannt, da noch immer zu viel Wasser in den Reservoirs sei.

Am Freitagvormittag war die Innerstetalsperre zu 99 Prozent gefüllt. Talsperren werden zum Schutz vor Hochwasserereignissen im regulären Betrieb nie komplett angestaut, so dass immer ein sogenannter Hochwasserrückhalteraum als Puffer bleibt. Dieser sei unter anderem bei der Oker- und der Innerstetalsperre weiter teilweise gefüllt. An der Innerste- und der Okertalsperre wurde seit der Nacht auf Dienstag planmäßig Wasser über die Notfallüberlaufe abgegeben, weil die vorgesehene maximale Staumange überschritten war.

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